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Anna Grath
ABET2022 | Textilien | 61 x 42 x 1 cm
ANKERSTICH2014 | Metall, Holz, Gips, Kunststoff, Textilien | 240 x 125 x 3 cm
ARANAKA2025 | Kunststoff, Metall, Textilien | 100 x 116 x 2 cm
AUBE2025 | Metall, Kunststoff | 170 x 210 x 10 cm
AVRIL2021 | Holz, Textilien | 100 x 130 x 12 cm
BAISER VOLÉS2017 | Kunststoff, Textilien | 5 x 140 x 10,5 cm
BEE2025 | Stahl, Textilien, Kunststoff | 116 x 150 x 15 cm
BEELE2024 | Holz, Kunststoff, Metall, Textilien | 286 x 230 x 5,5 cm
BELLE DE JOUR2021 | Beton, Textilien | 118 x 113 x 12 cm
BLENK2014 | Kunststoff, Textilien, Holz, Metall | 220 x 130 x 15 cm
BUD2024 | Kunststoff, Metall, Textilien | 110 x 40 cm
BÜLSE2014 | Metall, Kunststoff, Holz | 80 x 64 x 66 cm
BUNDLE2024 | Kunststoff, Textilien | ca 120 x 24 x 4 cm
CARGO2024 | Pappe,Textilien | Maße variabel
CARRIE2018 | Textilien, Beton | 84 x 45 x 3 cm
CARRY ON, 2025Stadtgalerie Otterndorf | Ausstellung im Rahmen der 397. / 398. Bilderwahl der Griffelkunst-Vereinigung
CARRY ON, 2025Stadtgalerie Otterndorf | Ausstellung im Rahmen der 397. / 398. Bilderwahl der Griffelkunst-Vereinigung < >
CATS & DOGS2018 | Textilien, Metall, Holz | 58, 5 x 126 x 2,5 cm
CIRRUS2018 | Textilien | 73 x 53 x 0,5 cm
CLUTCH2024 | Glas, Kunststoff | 44 x 29 x 1 cm
Cotton Ball Diet, 2022Arbeiten 2017-2022 | Text: Nina Lucia Groß | Grafik: Friederike Wolf, Frieder Oelze | Fotos: Robert Schlossnickel, Jens Ziehe, Fred Dott, Maik Gräf

Rhythmische Gymnastik oder: Ein Sanatorium der Dinge

Nina Lucia Groß

„The world is so full of a number of things,
I'm sure we should all be as happy as kings.“

Die Welt ist voll mit Dingen. Sachen, Zeug, Kram, Krempel. Voll mit Schläuchen, Drähten, Fetzen, Scheiben, Seilen, Tüten, Säcken, Strümpfen. Wir leben mit ihnen, tragen sie, schleifen sie hinter uns her, wir hüllen uns darin ein, wachen neben ihnen auf, wir nutzen und verbrauchen sie. Sachen haben einen Körper, eine Form und eine Funktion. Ihre Körper sind mal biegsam oder sperrig, leicht, kratzig, stabil, robust, zart oder schwerfällig. Ihre Formen sind ausgefallen, einfach, praktisch, klug, witzig oder langweilig. Ihre Funktionen sind eindeutig oder fragwürdig, sinnvoll, lästig, kaum vorhanden, verlässlich oder notwendig. In allen drei Punkten verhalten sie sich zu anderen Dingen – und zu uns. Ohne das andere Zeug um sie herum, ohne unsere eigenen Leiber, Ränder und Bedürfnisse, Notwendigkeiten, Gefühle, Wünsche, Ängste und Unverträglichkeiten lösen sich die Dinge auf.
Vielleicht ist es eine Studie eben dieser Abhängigkeit, die sichtbar wird in den 72 hier versammelten Werken. Anna Grath initiiert in ihrer Arbeit oft fragile Balanceakte. Sie versetzt Objekte und Stoffe in gegenseitige Beziehungen aus Kraft, Spannung und physischer Eigendynamik und lässt sie so neue Formen annehmen, die nur als Komposit, als Symbiose denkbar sind.

„Prozesse der Defunktionalisierung und anschließenden Refunktionalisierung von Formen gehen mit einer Entpragmatisierung, mit einer Herauslösung der Form aus ihrem Verwendungskontext einher. Sie eröffnen die Möglichkeit von Erfahrungen eigener Art, nicht Erfahrungen mittels der Formen, deren primäre Aufgabe ja durchaus die Konstituierung der Erfahrungswelt ist, sondern Erfahrungen an den Formen, die somit von Instrumenten zu Gegenständen der Wahrnehmung sich verändern. Solche Entpragmatisierungen und Umperspektivierungen können nun kaum dort auftreten, wo unmittelbare praktische Relevanz besteht und ständiger Handlungsdruck herrscht, also auf der Ebene der eigentlichen technischen Funktionalität. Hingegen ist mit ihnen verstärkt auf der Ebene der Erscheinungsweisen von Technik zu rechnen, die sich unter den Begriff ‚Kultur‘ fassen lassen.“

Grath scheint die Dinge zu befragen, dem Zeug in skulpturalen Versuchspraktiken – Binden, Dehnen, Biegen, Spannen, Knüpfen, Stopfen, Zerren – zu seinem Ausdruck zu verhelfen, zu einer materiellen und formalen Übersetzung innerer Spannungen und unbekannter Geschichten. Sie entzieht den Dingen ihre ursprüngliche Funktion und ordnet ihnen neue Pflichten zu. Sie stellt die Dinge in den Dienst einer neuen Gestalt. Es herrscht bekanntlich kein Handlungsdruck in der Kunst – in dieser dekadenten Freiheit wachsen und prahlen Graths Arbeiten; ihre Defunktionalisierung ist ein postmodernes Formenspiel. Das Material wird aus der Verantwortung genommen. Es muss seine schieren Moleküle nicht länger in der Identität Gartenschlauch, Notenständer und Luftpolsterfolie halten, stattdessen wird es zu Farbe, Textur und Linie erklärt.

Was alle drei Begriffe [...] (Sammeln, Ausstellen, Wegwerfen) verbindet, ist die Ausgeschiedenheit ihrer Gegenstände aus dem ökonomischen Nützlichkeitskreislauf. Kunstgeschichte lässt sich von daher tatsächlich als Abfallgeschichte schreiben.“

Die Objekte dokumentieren einen Abfall: Den spontanen Spannungsabfall im Moment ihrer Defunktionalisierung. Sie verlassen den einen Kreislauf und treten ein in einen neuen. In diesem Sinne sind Graths Ensembles als Wertstoffsammlungen aufgelöster Kulturproduktion zu verstehen. Aber es liegt keine Traurigkeit in dieser Auflösung, kein Zivilisations-Memento-Mori, sondern eine fröhliche Aufbruchsstimmung. Grath hilft dem Material, seiner Berufung als spezifischer Gegenstand entledigt, etwas Neues auszuprobieren: im engen Kreis der anderen, durch die von ihr entklammerten Sinneinheiten. So sind ihre Arbeiten und Ensembles auch immer Gruppenbilder aus einem Sanatorium der Dinge.

„All collages tend to have a similar capacity to stimulate our imagination, as if the various fragments, torn from their initial settings, would beg the viewer to give them back their lost identity.“

Die Stoffe und Dinge verbiegen sich, schneiden Grimassen, zeigen ihre Kehlen und Beugen, ihre alberne Traurigkeit. Sie plustern sich auf, machen sich schick, putzen sich heraus. „I´m starting to feel okay“, sagt die Strumpfhose, die – auf Rat, auf Rezept und mit Hilfe von Anna Grath – nicht mehr Strumpfhose sein muss, sondern Nylon sein kann, nicht mehr Beine halten muss, sondern nur noch sich selbst … und hin und wieder ein Stück Marmor. Graths Arbeiten erzählen von einer herzlichen Unfreiheit der Dinge, denn sie tun, wie ihnen geheißen wurde. Es ist natürlich nur zu ihrem Besten. Ihr Vorleben bleibt den Dingen für die Betrachtenden sichtbar eingeschrieben und dennoch löst Grath in ihren Materialangaben, die immer auch Quellenangaben sind, die den Dingen zugeschriebenen Sinnklammern auf. Hier ist von Glas und Kunststoff die Rede, nicht von Flasche und Luftballon. Dabei wird zudem die Arbeit, die das Material überhaupt erst hervorgebracht hatte, die es erzeugt, gestaltet und verpackt hatte, verschleiert – aus einem Produkt der labour wird ein Stück work. Aus einer Ware ein Werk. Aus einer Sache des Alltags ein Objekt der Kunst. Graths Arbeiten begeben sich damit in eine andauernde Dialektik zwischen dem Eigen- und Vorleben, der Komik und Dramatik der Dinge selbst und dem erkennbaren Formprozess der Künstlerin, ihrem Lenken, Leiten und Dirigieren.

In ihren skulpturalen Anordnungen und Anweisungen offenbart sich „[...] ein Verhältnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund rückt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt.“

Grath bringt die Dinge zur Aufführung. Sie ist Regisseurin, Chorleiterin und Souffleuse, weist den Linien und Teilen ihren Platz und ihren Auftritt, ihren Einsatz und ihre Figur zu. Die Gefüge und Gestalten nehmen dabei nicht selten anthropomorphe Rollen ein. In einer imaginativen Übersetzungsleistung unterstellt man den gestreckten und gebückten Körpern unweigerlich eine eigene Agenda, erkennt Gesten und Gesichter, liest Szenen, Begegnungen und Konflikte.

„MENSCHELN, verb. sich menschlich zeigen: weil nu der lebendig unverkocht affect noch menschlend, der haut förcht, und nicht umb der bissigen scharpfen warheit willen leiden wil. S. Frank weltb. vorr. A 5a; schwäb. menschlen, nicht besser sein als die menschen gewöhnlich sind: es menschlet bei ihm halt auch. Schmid 382; schweiz. menschelen, menschliche gebrechlichkeiten an sich haben und äuszern, er menschelet, fehlt, ist nicht besser als andere, es menschelet, riecht nach gebrechlichkeit.“

Phil, Meltem, Carrie, Solveig, Isgart – die Arbeiten tragen eher Namen als Titel. Es menschelt. Die gedehnten und gepressten Stoffe werden als Leiber verstanden, als gebrechliche, prekäre, verletzbare Körper: ihre Risse, Dellen, Knoten als Wunden, Beulen und Narben. Sie schwellen an und pochen, erschlaffen und hinken, ihre Gelenke knacken, ihr Magen knurrt, sie halten sich aneinander fest. Berühren die glatte Haut, das trockene Fell, sie knüpfen sich ineinander, sie haken sich ein. In dieser Körperlichkeit teilen sie sich einen Raum mit uns, dem Publikum, ihrem Gegenüber.

„Aufführungen [...] sind flüchtig und transitorisch, sie erschöpfen sich in ihrer Gegenwärtigkeit, d.h. in ihrem dauernden Werden und Vergehen, in der Autopoiesis der feedback-Schleife.“

Anna Grath inszeniert in ihrer Dramaturgie das Sehen gleich mit. Wir, die Betrachtenden, sind Teil der Aufführung. Unsere Bewegung, unsere Annäherung, unsere Begegnung, das Wiedererkennen, das Wundern: alles Teil der Vorstellung. Das Echo der Dinge und Skulpturen hallt im gemeinsamen Theater aus Betrachtung und Erinnerung nach – in der geteilten Abhängigkeit, voneinander zu wissen.

Rhythmische Gymnastik oder: Ein Sanatorium der Dinge

Nina Lucia Groß

„The world is so full of a number of things,
I'm sure we should all be as happy as kings.“

Die Welt ist voll mit Dingen. Sachen, Zeug, Kram, Krempel. Voll mit Schläuchen, Drähten, Fetzen, Scheiben, Seilen, Tüten, Säcken, Strümpfen. Wir leben mit ihnen, tragen sie, schleifen sie hinter uns her, wir hüllen uns darin ein, wachen neben ihnen auf, wir nutzen und verbrauchen sie. Sachen haben einen Körper, eine Form und eine Funktion. Ihre Körper sind mal biegsam oder sperrig, leicht, kratzig, stabil, robust, zart oder schwerfällig. Ihre Formen sind ausgefallen, einfach, praktisch, klug, witzig oder langweilig. Ihre Funktionen sind eindeutig oder fragwürdig, sinnvoll, lästig, kaum vorhanden, verlässlich oder notwendig. In allen drei Punkten verhalten sie sich zu anderen Dingen – und zu uns. Ohne das andere Zeug um sie herum, ohne unsere eigenen Leiber, Ränder und Bedürfnisse, Notwendigkeiten, Gefühle, Wünsche, Ängste und Unverträglichkeiten lösen sich die Dinge auf.
Vielleicht ist es eine Studie eben dieser Abhängigkeit, die sichtbar wird in den 72 hier versammelten Werken. Anna Grath initiiert in ihrer Arbeit oft fragile Balanceakte. Sie versetzt Objekte und Stoffe in gegenseitige Beziehungen aus Kraft, Spannung und physischer Eigendynamik und lässt sie so neue Formen annehmen, die nur als Komposit, als Symbiose denkbar sind.

„Prozesse der Defunktionalisierung und anschließenden Refunktionalisierung von Formen gehen mit einer Entpragmatisierung, mit einer Herauslösung der Form aus ihrem Verwendungskontext einher. Sie eröffnen die Möglichkeit von Erfahrungen eigener Art, nicht Erfahrungen mittels der Formen, deren primäre Aufgabe ja durchaus die Konstituierung der Erfahrungswelt ist, sondern Erfahrungen an den Formen, die somit von Instrumenten zu Gegenständen der Wahrnehmung sich verändern. Solche Entpragmatisierungen und Umperspektivierungen können nun kaum dort auftreten, wo unmittelbare praktische Relevanz besteht und ständiger Handlungsdruck herrscht, also auf der Ebene der eigentlichen technischen Funktionalität. Hingegen ist mit ihnen verstärkt auf der Ebene der Erscheinungsweisen von Technik zu rechnen, die sich unter den Begriff ‚Kultur‘ fassen lassen.“

Grath scheint die Dinge zu befragen, dem Zeug in skulpturalen Versuchspraktiken – Binden, Dehnen, Biegen, Spannen, Knüpfen, Stopfen, Zerren – zu seinem Ausdruck zu verhelfen, zu einer materiellen und formalen Übersetzung innerer Spannungen und unbekannter Geschichten. Sie entzieht den Dingen ihre ursprüngliche Funktion und ordnet ihnen neue Pflichten zu. Sie stellt die Dinge in den Dienst einer neuen Gestalt. Es herrscht bekanntlich kein Handlungsdruck in der Kunst – in dieser dekadenten Freiheit wachsen und prahlen Graths Arbeiten; ihre Defunktionalisierung ist ein postmodernes Formenspiel. Das Material wird aus der Verantwortung genommen. Es muss seine schieren Moleküle nicht länger in der Identität Gartenschlauch, Notenständer und Luftpolsterfolie halten, stattdessen wird es zu Farbe, Textur und Linie erklärt.

Was alle drei Begriffe [...] (Sammeln, Ausstellen, Wegwerfen) verbindet, ist die Ausgeschiedenheit ihrer Gegenstände aus dem ökonomischen Nützlichkeitskreislauf. Kunstgeschichte lässt sich von daher tatsächlich als Abfallgeschichte schreiben.“

Die Objekte dokumentieren einen Abfall: Den spontanen Spannungsabfall im Moment ihrer Defunktionalisierung. Sie verlassen den einen Kreislauf und treten ein in einen neuen. In diesem Sinne sind Graths Ensembles als Wertstoffsammlungen aufgelöster Kulturproduktion zu verstehen. Aber es liegt keine Traurigkeit in dieser Auflösung, kein Zivilisations-Memento-Mori, sondern eine fröhliche Aufbruchsstimmung. Grath hilft dem Material, seiner Berufung als spezifischer Gegenstand entledigt, etwas Neues auszuprobieren: im engen Kreis der anderen, durch die von ihr entklammerten Sinneinheiten. So sind ihre Arbeiten und Ensembles auch immer Gruppenbilder aus einem Sanatorium der Dinge.

„All collages tend to have a similar capacity to stimulate our imagination, as if the various fragments, torn from their initial settings, would beg the viewer to give them back their lost identity.“

Die Stoffe und Dinge verbiegen sich, schneiden Grimassen, zeigen ihre Kehlen und Beugen, ihre alberne Traurigkeit. Sie plustern sich auf, machen sich schick, putzen sich heraus. „I´m starting to feel okay“, sagt die Strumpfhose, die – auf Rat, auf Rezept und mit Hilfe von Anna Grath – nicht mehr Strumpfhose sein muss, sondern Nylon sein kann, nicht mehr Beine halten muss, sondern nur noch sich selbst … und hin und wieder ein Stück Marmor. Graths Arbeiten erzählen von einer herzlichen Unfreiheit der Dinge, denn sie tun, wie ihnen geheißen wurde. Es ist natürlich nur zu ihrem Besten. Ihr Vorleben bleibt den Dingen für die Betrachtenden sichtbar eingeschrieben und dennoch löst Grath in ihren Materialangaben, die immer auch Quellenangaben sind, die den Dingen zugeschriebenen Sinnklammern auf. Hier ist von Glas und Kunststoff die Rede, nicht von Flasche und Luftballon. Dabei wird zudem die Arbeit, die das Material überhaupt erst hervorgebracht hatte, die es erzeugt, gestaltet und verpackt hatte, verschleiert – aus einem Produkt der labour wird ein Stück work. Aus einer Ware ein Werk. Aus einer Sache des Alltags ein Objekt der Kunst. Graths Arbeiten begeben sich damit in eine andauernde Dialektik zwischen dem Eigen- und Vorleben, der Komik und Dramatik der Dinge selbst und dem erkennbaren Formprozess der Künstlerin, ihrem Lenken, Leiten und Dirigieren.

In ihren skulpturalen Anordnungen und Anweisungen offenbart sich „[...] ein Verhältnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund rückt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt.“

Grath bringt die Dinge zur Aufführung. Sie ist Regisseurin, Chorleiterin und Souffleuse, weist den Linien und Teilen ihren Platz und ihren Auftritt, ihren Einsatz und ihre Figur zu. Die Gefüge und Gestalten nehmen dabei nicht selten anthropomorphe Rollen ein. In einer imaginativen Übersetzungsleistung unterstellt man den gestreckten und gebückten Körpern unweigerlich eine eigene Agenda, erkennt Gesten und Gesichter, liest Szenen, Begegnungen und Konflikte.

„MENSCHELN, verb. sich menschlich zeigen: weil nu der lebendig unverkocht affect noch menschlend, der haut förcht, und nicht umb der bissigen scharpfen warheit willen leiden wil. S. Frank weltb. vorr. A 5a; schwäb. menschlen, nicht besser sein als die menschen gewöhnlich sind: es menschlet bei ihm halt auch. Schmid 382; schweiz. menschelen, menschliche gebrechlichkeiten an sich haben und äuszern, er menschelet, fehlt, ist nicht besser als andere, es menschelet, riecht nach gebrechlichkeit.“

Phil, Meltem, Carrie, Solveig, Isgart – die Arbeiten tragen eher Namen als Titel. Es menschelt. Die gedehnten und gepressten Stoffe werden als Leiber verstanden, als gebrechliche, prekäre, verletzbare Körper: ihre Risse, Dellen, Knoten als Wunden, Beulen und Narben. Sie schwellen an und pochen, erschlaffen und hinken, ihre Gelenke knacken, ihr Magen knurrt, sie halten sich aneinander fest. Berühren die glatte Haut, das trockene Fell, sie knüpfen sich ineinander, sie haken sich ein. In dieser Körperlichkeit teilen sie sich einen Raum mit uns, dem Publikum, ihrem Gegenüber.

„Aufführungen [...] sind flüchtig und transitorisch, sie erschöpfen sich in ihrer Gegenwärtigkeit, d.h. in ihrem dauernden Werden und Vergehen, in der Autopoiesis der feedback-Schleife.“

Anna Grath inszeniert in ihrer Dramaturgie das Sehen gleich mit. Wir, die Betrachtenden, sind Teil der Aufführung. Unsere Bewegung, unsere Annäherung, unsere Begegnung, das Wiedererkennen, das Wundern: alles Teil der Vorstellung. Das Echo der Dinge und Skulpturen hallt im gemeinsamen Theater aus Betrachtung und Erinnerung nach – in der geteilten Abhängigkeit, voneinander zu wissen.

Cotton Ball Diet, 2022Arbeiten 2017-2022 | Text: Nina Lucia Groß | Grafik: Friederike Wolf, Frieder Oelze | Fotos: Robert Schlossnickel, Jens Ziehe, Fred Dott, Maik Gräf < >
DANGER LURKS IN EVERY CUT, 2022Kunstverein Schwerin | mit Daniel Hörner und Hannah Bohnen
DANGER LURKS IN EVERY CUT, 2022Kunstverein Schwerin | mit Daniel Hörner und Hannah Bohnen < >
Das bogenartige Herunterbinden kurzgestielter Stelzen, 2020Textmontage | Publikation im Rahmen des 38. Hamburger Arbeitsstipendiums | Grafik: Friederike Wolf | Herausgeberin: Behörde für Kultur und Medien
Das bogenartige Herunterbinden kurzgestielter Stelzen, 2020Textmontage | Publikation im Rahmen des 38. Hamburger Arbeitsstipendiums | Grafik: Friederike Wolf | Herausgeberin: Behörde für Kultur und Medien < >
Das Regal, 2021Textem Verlag | 13,1 x 19,6 cm | 212 Seiten | Auflage 200 | nummeriert und signiert

[….] „Das Regal“ ist ein Buch. 130 Seiten, ein paar Abbildungen, ein Quellenverzeichnis am Ende, eine lindgrüne, beidseitig bedruckte, brillenetuigroße Einlage, die in einer akribischen Aufzählung für jede Seite den Herkunftsnachweis liefert. Beginnend mit den sanften Unheimlichkeiten in Jennifers Träume von Marie Luise Kaschnitz – „kurz vor drei Uhr bemerkte ich den Vogel in meinem Zimmer“ und endend mit den Irrgängen und Schocks von Joyce Carol Oates´ Rendezvous: „Zu spät“. Grath hat die Bestände des vertikalen Ordnungssystems „Regal“ in die horizontale Linearität eines zumindest in der abendländischen Kultur von links nach recht, von vorne bis hinten zu lesenden Buchs umsortiert. Scheinbar willkürlich gewählte Seiten, die durch ihr jeweiliges Ende an den grammatikalisch passenden Satzteil der Folgenden montiert sind. Hier genau sitzen die Nähte dieser Konstruktion, die unverschleierten Klebstellen ihrer mise en chaîne. Hier genau hört der Zufall auf und ein surrealer Schnittmeister leimt und verbindet, was nie zusammengehörte und nun doch eine semantische, assoziative Verbindung zueinander aufnimmt. Egal ob man von Anfang bis Ende liest oder irgendwo mittendrin beginnt. Im Lese- und Imaginationsstrom der Rezipierenden entsteht eine bricolage automatique, die gar nicht anders kann als Sinn und Narrativ zu stiften, diegetische Weltzusammenhänge zu schrauben, wo es nur irgendwie geht. Im Grunde folgt die Lesende mit ihren Verknüpfungsversuchen damit der Grathschen Arbeitsweise an ihren Objekten.

Da liest man eben noch in Villem Flussers Die Schrift „Die Tatsache jedoch, dass es trotz Buchdruck und Schreibmaschine noch immer Handschriften gibt, lässt auf die“– und landet auf der nächsten Seite bei –„Zärtlichkeit mit Brutalität antworten“ von Elfriede Jelineks Lust. Und der Gedanke von Eva Illouz (Die Errettung der modernen Seele) „Kommunikation ist folglich eine ethische Substanz, bei der es unmöglich ist, das Eigeninteresse“ wird von Mary Shelleys Frankenstein auf den absurden Punkt gebracht: „eines unzugänglichen Berges jenem Wesen begegnet, das ich selbst geformt und zum Leben erweckt habe“. Friedrich Schnacks Suche nach einem Weißling (Das Leben der Schmetterlinge) endet so mit einem havarierten Flieger: „Ah! Sieh, hier ist er gelandet, auf einem großen / Flugzeug abgestürzt“ (Die wilde Geschichte des Wassertrinkers, John Irving)

Widersprechendes und manchmal auch auf magische Weise sich gegenseitig kommentierendes wird in diesem Spiel der Verschränkungen auf einen zwangsweise sinnstiftenden, weiterdenkenden oder auch spinnenden Punkt gebracht. Werke, Erzählerinnenstimmen, Autorinnenmeinungen säumen sich zu einer polyphonen Addition. Hat man sich im jeweiligen Szenario gerade eingefunden, erkennt sogar den Kosmos aus den eigene Lektüreerinnerungen wieder, findet gar eine passende Empfindung im eigenen Büchergedächtnis, verblendet die Rezeption das eine mit dem anderen, verwischt die Grenzen von Ich-Erzählenden und personalen Perspektiven, von Geschlechtern, Zeiten und zeitgebundenen Räumen, von Heldinnen und Protagonisten mit den Universen der nachfolgenden Blätter. Autor*innenschaften, Werkkohärenzen, Gattungsgrenzen und epochale Phänomene lösen sich in diesen Koordinaten auf, bilden eigene Sätze, Bilder und Miniaturen. Lesend nehmen wir wahr wie Kosmen entstehen und auf der nächsten Seite wieder verschwinden. Ganz so als durchschreite man in einem papiernen Kaninchenloch das Regal der Anna Grath und mit ihm durch die subjektiven Erlebniswelten oder Ausgewählten dieser privaten Bibliothek. In der spezifischen Innerlichkeit, die sich beim Akt des Lesens ausbreitet und einen und eine aus der konkreten Welt nimmt, verschwistert man sich mit der angenommen Binnenstimme einer sich als Lesende vorgestellten Künstlerin, deren „Regal“ doch genau die Bestückung aufweist, die etliche Überschneidungen mit allen haben dürften, die in den letzten 30 Jahren gelesen haben. Vom possierlichen Biologismus in Brehms Tierleben bis hin zu Simone de Beauvoirs feministischen Metaphysik in Eine gebrochene Frau. Von der feministischer Wissenschaftsforschung Siri Hustvedts zu den psychischen Binnenperspektiven in Stefan Zweigs Schachnovelle.

Das „Regal“ ist ein Objekt. Es ist gestapelte Fotografie.

Tatsächlich sind seine Seiten keine Buchseiten. Es sind fotographische Reproduktionen. Mit Flecken, Verfärbungen, unterschiedlichster Typographien und Punktgrößen, in den Schriftmoden ihrer Erscheinungsjahre. Jedes Bild stammt somit aus einer eigenen Zeit. Und es behauptet einen eigenen Raum. Wie Trompe-l'Œils

erscheinen Schriften, Zeilen und Bilder auf den Fotografien, die eine Dimension antäuschen, die es so nur im Original gab. Diese Gespenstererscheinungen verweisen auf ursprüngliche Rückseiten, die im „Regal“ nicht mehr existieren. Was durchscheinend war und im Druckpapier ursprünglich den Raum des Vor- und Zurückblätterns beschrieb, erstarrt hier in der bloßen Fläche. Der fotografische Aspekt als Zeitspeicher des sichtbaren Jetzt wird auf diese Weise zu einem Dokument von Erscheinungen. Die Schatten in der Buchmitte, die Ein- und Abdrücke, die nicht mehr zu identifizierende Dinge in den Oberflächen hinterlassen haben, die wild vor- und zurückspringenden Seitenzahlen, die Rillen kindlicher Kullikritzelein auf ehemals letzten Seiten, die Eselsohren, Unterstreichungen oder die Spuren von Randnotizen bilden Reliefs, die in der Fotografie wieder zur Fläche werden. Details, die auf einen im fotografischen Bild verschwundenen Raum hinweisen. Auf eine Nutzungserweiterung des Buches als Unterlage, Tablett, Höhlenwand oder auch als elitäres Bildungsasseccoire. In Graths additiver, mechanischer Anordnung demokratisieren sich die Semantiken und Narrative. Schmiererei und akademische Lektürenotiz ordnen sich wertgleich nebeneinander in einer fotografischen, kuratierten Abfolge.

Das Buch „Das Regal“ ist keines. Zumindest keines, das noch einmal als Leitmedium bürgerlicher Kultur posiert. Keines, das Autor*innenschaft und Urhebr*innenrechte betont, sondern in der Collage bewahrter Lesefossilien im kollektiven Wahrnehmungsprozess mit einem Publikum neu arrangiert. Das Sammeln, Formen, Ausstellen der Grathschen Arbeitsweise ist hier in Buchform gestapelt und verdichtet. Es demontiert unser seit der Gutenberg-Galaxie und der mit ihr einhergehenden Entstehung von Nationalstaaten und Gelehrtenrepubliken geformtes lineares Denken. Friedrich Kittler folgend, denken wir in den Medien, die wir nutzen. Anna Grath folgend, erfahren wir die Dekonstruktion dieser rationalen Basis. In diesem Sinne hat sie ihr Bücheraufbewahrungssystem samt Beständen abgebaut. Das „Regal“ erzwingt Seite für Seite das Ertragen von Unzusammenhängenden und zwingt zur gedanklichen Zerstreuung. Es bringt uns permanent dazu aus Satzketten auszusteigen und die Wahrnehmung für die semantischen Lücken, aber auch die Zwischenräume zwischen den Seiten zu schärfen. Sie zersetzt die Abfolge fremder Gedanken und Erzählung und macht denen von immer noch nach Verbindungen suchenden Lesenden Platz. Das „Regal“ ist ein weitere Befreiungsakt im Grathschen OEvre. Nur geht er diesmal einen Schritt weiter, vom Dinglichen zur Erschütterung weltanschaulicher und weltschaffender Ideen.

Aus: Über Das Regal von Birgit Glombitza

[….] „Das Regal“ ist ein Buch. 130 Seiten, ein paar Abbildungen, ein Quellenverzeichnis am Ende, eine lindgrüne, beidseitig bedruckte, brillenetuigroße Einlage, die in einer akribischen Aufzählung für jede Seite den Herkunftsnachweis liefert. Beginnend mit den sanften Unheimlichkeiten in Jennifers Träume von Marie Luise Kaschnitz – „kurz vor drei Uhr bemerkte ich den Vogel in meinem Zimmer“ und endend mit den Irrgängen und Schocks von Joyce Carol Oates´ Rendezvous: „Zu spät“. Grath hat die Bestände des vertikalen Ordnungssystems „Regal“ in die horizontale Linearität eines zumindest in der abendländischen Kultur von links nach recht, von vorne bis hinten zu lesenden Buchs umsortiert. Scheinbar willkürlich gewählte Seiten, die durch ihr jeweiliges Ende an den grammatikalisch passenden Satzteil der Folgenden montiert sind. Hier genau sitzen die Nähte dieser Konstruktion, die unverschleierten Klebstellen ihrer mise en chaîne. Hier genau hört der Zufall auf und ein surrealer Schnittmeister leimt und verbindet, was nie zusammengehörte und nun doch eine semantische, assoziative Verbindung zueinander aufnimmt. Egal ob man von Anfang bis Ende liest oder irgendwo mittendrin beginnt. Im Lese- und Imaginationsstrom der Rezipierenden entsteht eine bricolage automatique, die gar nicht anders kann als Sinn und Narrativ zu stiften, diegetische Weltzusammenhänge zu schrauben, wo es nur irgendwie geht. Im Grunde folgt die Lesende mit ihren Verknüpfungsversuchen damit der Grathschen Arbeitsweise an ihren Objekten.

Da liest man eben noch in Villem Flussers Die Schrift „Die Tatsache jedoch, dass es trotz Buchdruck und Schreibmaschine noch immer Handschriften gibt, lässt auf die“– und landet auf der nächsten Seite bei –„Zärtlichkeit mit Brutalität antworten“ von Elfriede Jelineks Lust. Und der Gedanke von Eva Illouz (Die Errettung der modernen Seele) „Kommunikation ist folglich eine ethische Substanz, bei der es unmöglich ist, das Eigeninteresse“ wird von Mary Shelleys Frankenstein auf den absurden Punkt gebracht: „eines unzugänglichen Berges jenem Wesen begegnet, das ich selbst geformt und zum Leben erweckt habe“. Friedrich Schnacks Suche nach einem Weißling (Das Leben der Schmetterlinge) endet so mit einem havarierten Flieger: „Ah! Sieh, hier ist er gelandet, auf einem großen / Flugzeug abgestürzt“ (Die wilde Geschichte des Wassertrinkers, John Irving)

Widersprechendes und manchmal auch auf magische Weise sich gegenseitig kommentierendes wird in diesem Spiel der Verschränkungen auf einen zwangsweise sinnstiftenden, weiterdenkenden oder auch spinnenden Punkt gebracht. Werke, Erzählerinnenstimmen, Autorinnenmeinungen säumen sich zu einer polyphonen Addition. Hat man sich im jeweiligen Szenario gerade eingefunden, erkennt sogar den Kosmos aus den eigene Lektüreerinnerungen wieder, findet gar eine passende Empfindung im eigenen Büchergedächtnis, verblendet die Rezeption das eine mit dem anderen, verwischt die Grenzen von Ich-Erzählenden und personalen Perspektiven, von Geschlechtern, Zeiten und zeitgebundenen Räumen, von Heldinnen und Protagonisten mit den Universen der nachfolgenden Blätter. Autor*innenschaften, Werkkohärenzen, Gattungsgrenzen und epochale Phänomene lösen sich in diesen Koordinaten auf, bilden eigene Sätze, Bilder und Miniaturen. Lesend nehmen wir wahr wie Kosmen entstehen und auf der nächsten Seite wieder verschwinden. Ganz so als durchschreite man in einem papiernen Kaninchenloch das Regal der Anna Grath und mit ihm durch die subjektiven Erlebniswelten oder Ausgewählten dieser privaten Bibliothek. In der spezifischen Innerlichkeit, die sich beim Akt des Lesens ausbreitet und einen und eine aus der konkreten Welt nimmt, verschwistert man sich mit der angenommen Binnenstimme einer sich als Lesende vorgestellten Künstlerin, deren „Regal“ doch genau die Bestückung aufweist, die etliche Überschneidungen mit allen haben dürften, die in den letzten 30 Jahren gelesen haben. Vom possierlichen Biologismus in Brehms Tierleben bis hin zu Simone de Beauvoirs feministischen Metaphysik in Eine gebrochene Frau. Von der feministischer Wissenschaftsforschung Siri Hustvedts zu den psychischen Binnenperspektiven in Stefan Zweigs Schachnovelle.

Das „Regal“ ist ein Objekt. Es ist gestapelte Fotografie.

Tatsächlich sind seine Seiten keine Buchseiten. Es sind fotographische Reproduktionen. Mit Flecken, Verfärbungen, unterschiedlichster Typographien und Punktgrößen, in den Schriftmoden ihrer Erscheinungsjahre. Jedes Bild stammt somit aus einer eigenen Zeit. Und es behauptet einen eigenen Raum. Wie Trompe-l'Œils

erscheinen Schriften, Zeilen und Bilder auf den Fotografien, die eine Dimension antäuschen, die es so nur im Original gab. Diese Gespenstererscheinungen verweisen auf ursprüngliche Rückseiten, die im „Regal“ nicht mehr existieren. Was durchscheinend war und im Druckpapier ursprünglich den Raum des Vor- und Zurückblätterns beschrieb, erstarrt hier in der bloßen Fläche. Der fotografische Aspekt als Zeitspeicher des sichtbaren Jetzt wird auf diese Weise zu einem Dokument von Erscheinungen. Die Schatten in der Buchmitte, die Ein- und Abdrücke, die nicht mehr zu identifizierende Dinge in den Oberflächen hinterlassen haben, die wild vor- und zurückspringenden Seitenzahlen, die Rillen kindlicher Kullikritzelein auf ehemals letzten Seiten, die Eselsohren, Unterstreichungen oder die Spuren von Randnotizen bilden Reliefs, die in der Fotografie wieder zur Fläche werden. Details, die auf einen im fotografischen Bild verschwundenen Raum hinweisen. Auf eine Nutzungserweiterung des Buches als Unterlage, Tablett, Höhlenwand oder auch als elitäres Bildungsasseccoire. In Graths additiver, mechanischer Anordnung demokratisieren sich die Semantiken und Narrative. Schmiererei und akademische Lektürenotiz ordnen sich wertgleich nebeneinander in einer fotografischen, kuratierten Abfolge.

Das Buch „Das Regal“ ist keines. Zumindest keines, das noch einmal als Leitmedium bürgerlicher Kultur posiert. Keines, das Autor*innenschaft und Urhebr*innenrechte betont, sondern in der Collage bewahrter Lesefossilien im kollektiven Wahrnehmungsprozess mit einem Publikum neu arrangiert. Das Sammeln, Formen, Ausstellen der Grathschen Arbeitsweise ist hier in Buchform gestapelt und verdichtet. Es demontiert unser seit der Gutenberg-Galaxie und der mit ihr einhergehenden Entstehung von Nationalstaaten und Gelehrtenrepubliken geformtes lineares Denken. Friedrich Kittler folgend, denken wir in den Medien, die wir nutzen. Anna Grath folgend, erfahren wir die Dekonstruktion dieser rationalen Basis. In diesem Sinne hat sie ihr Bücheraufbewahrungssystem samt Beständen abgebaut. Das „Regal“ erzwingt Seite für Seite das Ertragen von Unzusammenhängenden und zwingt zur gedanklichen Zerstreuung. Es bringt uns permanent dazu aus Satzketten auszusteigen und die Wahrnehmung für die semantischen Lücken, aber auch die Zwischenräume zwischen den Seiten zu schärfen. Sie zersetzt die Abfolge fremder Gedanken und Erzählung und macht denen von immer noch nach Verbindungen suchenden Lesenden Platz. Das „Regal“ ist ein weitere Befreiungsakt im Grathschen OEvre. Nur geht er diesmal einen Schritt weiter, vom Dinglichen zur Erschütterung weltanschaulicher und weltschaffender Ideen.

Aus: Über Das Regal von Birgit Glombitza

Das Regal, 2021Textem Verlag | 13,1 x 19,6 cm | 212 Seiten | Auflage 200 | nummeriert und signiert < >
DEIGAN2014 | Mehl, Salz, Kunststoff | 98 x 70 x 5 cm
DO NOT THROW2022 | Kunststoff, Pappe, Textilien | 144 x 77 x 10 cm
DWELL2021 | Kunststoff, Metall | 200 x 150 x 7 cm
DYLKEN2014 | Textilien, Kunststoff, Metall | 215 x 165 x 5 cm
ELEN2025 | Textilien, Kunststoff | 68 x 50 x 2 cm
ELOMEN2019 | Metall, Kunststoff | 260 x 210 x 10 cm
ETÜDE2017 | Holz, Metall, Kunststoff, Textilien | 200 x 138 x 6 cm
EYEN2023 | Textilien | 55 x 37 x 1 cm
f2016 | Metall, Kunststoff, Textilien | 166 x 21 x 12 cm
FADING FURY2025 | Gips, Papier, Spachtelmasse | 62 x 50 x 3 cm
FALL OF FOLDS, 2022Galerie Oel-Früh | Hamburg
FALL OF FOLDS, 2022Galerie Oel-Früh | Hamburg < >
FINKENSIEBEN2016 | Metall, Holz, Kunststoff | 123 x 78 x 1,5 cm
Flieger, 202415 x 21 cm | 13 Seiten | Spiralbindung | Auflage 120 | nummeriert und signiert
Flieger, 202415 x 21 cm | 13 Seiten | Spiralbindung | Auflage 120 | nummeriert und signiert < >
FORM VERSUS FUNCTION, 2019 Produzentengalerie Hamburg | Ausstellung im Rahmen von „Neue Kunst in Hamburg“

Chloe Stead

FORM VERSUS FUNCTION

Über die Arbeit von Anna Grath

„Formale Eigenschaften sind solche, die nach wie vor formgebend im herkömmlichen, klassischen Sinne sind: Gestalt, Proportion, Dimension, Struktur, Textur, Farbe, Kontext – diejenigen Aspekte der sichtbaren Realität, in denen wir die nichtliterarischen Bedeutungen von Objekten verorten.“

– Jack Burnham, Beyond Modern Sculpture

Wenn Anna Grath einen Gegenstand in ihr Studio bringt, so hängt sie ihn mitunter zuerst einmal an die Wand, um zu sehen „wie er sich verhält“. Vor einigen Jahren – ich hatte Grath zu einer von mir in Hamburg mitorganisierten Ausstellung eingeladen – konnte ich ihr bei einem Atelierbesuch dabei zusehen. Während ich den Atem anhielt, stieg Grath auf eine schwindelerregend hohe Leiter. Sie wollte überprüfen, wie sich ein Regenschirmgriff, ein Stück Altmetall und Matratzenschaum verhalten, wenn man sie frei aufhängt.

Grath zieht, faltet, quetscht oder zerbricht ihre Materialien und untersucht sie dabei auf diejenigen Qualitäten hin, die, so sagt sie, „skulptural nützlich sein könnten“. Bis auf wenige Ausnahmen lässt Grath das frühere Leben der Dinge zugunsten formaler Eigenschaften außer Acht. Dieses Vorgehen, so die Künstlerin, „befreit“ die Objekte von ihren Pflichten – und bereitet ihr die Genugtuung, diese Gegenstände „sichtbar verletzt“ zu sehen, so dass sie nur noch ihren Vorgaben folgen. Was dieses Vorgehen nicht überlebt, wird fotografiert und anschließend entsorgt. Die Objekte aber, die überstehen, finden Eingang in Graths Assemblagen: Fahrradreflektoren werden an einen Wäscheständer gehängt (Quadrille, 2017), Plastiktüten auf einem teilweise eingerollten Wasserschlauch platziert (Volte, 2018); und eine Zementplatte in ein dehnbares Einkaufsnetz gesteckt (Carrie, 2018).

Balance ist für die Zusammensetzung dieser Kombinationen zentral: Ist ein Material hart,wird es mit etwas Weichem konterkariert. Drückt ein Stück, so zieht ein anderes – ein intuitives Verfahren, das endlose Variationen zulässt; und dass es ihr, so Grath, ermöglicht, mit ihren Arbeiten und Ausstellungen „oppositionelle Choreographien“ zu realisieren. Manchmal bringt sie Objekte spielerisch dazu, sich selbst zu verleugnen. Orthese (2018) beispielsweise nimmt seinen Ausgang an einer abgeschlagenen Glasplatte. Grath bedeckte die Schadstelle mit einem Stück Schaumstoffverpackung, das sie mit einer Schnur festband; die Glasplatte wirkt nun so, als wäre sie Druck ausgesetzt worden – und hätte diesem nachgegeben. An anderer Stelle aber genügt es, einfach nur zwei Objekte zusammenzubringen und so auf die inhärenten Widersprüche und Möglichkeiten von Material aufmerksam zu machen.

Chloe Stead, 2019

Chloe Stead

FORM VERSUS FUNCTION

Über die Arbeit von Anna Grath

„Formale Eigenschaften sind solche, die nach wie vor formgebend im herkömmlichen, klassischen Sinne sind: Gestalt, Proportion, Dimension, Struktur, Textur, Farbe, Kontext – diejenigen Aspekte der sichtbaren Realität, in denen wir die nichtliterarischen Bedeutungen von Objekten verorten.“

– Jack Burnham, Beyond Modern Sculpture

Wenn Anna Grath einen Gegenstand in ihr Studio bringt, so hängt sie ihn mitunter zuerst einmal an die Wand, um zu sehen „wie er sich verhält“. Vor einigen Jahren – ich hatte Grath zu einer von mir in Hamburg mitorganisierten Ausstellung eingeladen – konnte ich ihr bei einem Atelierbesuch dabei zusehen. Während ich den Atem anhielt, stieg Grath auf eine schwindelerregend hohe Leiter. Sie wollte überprüfen, wie sich ein Regenschirmgriff, ein Stück Altmetall und Matratzenschaum verhalten, wenn man sie frei aufhängt.

Grath zieht, faltet, quetscht oder zerbricht ihre Materialien und untersucht sie dabei auf diejenigen Qualitäten hin, die, so sagt sie, „skulptural nützlich sein könnten“. Bis auf wenige Ausnahmen lässt Grath das frühere Leben der Dinge zugunsten formaler Eigenschaften außer Acht. Dieses Vorgehen, so die Künstlerin, „befreit“ die Objekte von ihren Pflichten – und bereitet ihr die Genugtuung, diese Gegenstände „sichtbar verletzt“ zu sehen, so dass sie nur noch ihren Vorgaben folgen. Was dieses Vorgehen nicht überlebt, wird fotografiert und anschließend entsorgt. Die Objekte aber, die überstehen, finden Eingang in Graths Assemblagen: Fahrradreflektoren werden an einen Wäscheständer gehängt (Quadrille, 2017), Plastiktüten auf einem teilweise eingerollten Wasserschlauch platziert (Volte, 2018); und eine Zementplatte in ein dehnbares Einkaufsnetz gesteckt (Carrie, 2018).

Balance ist für die Zusammensetzung dieser Kombinationen zentral: Ist ein Material hart,wird es mit etwas Weichem konterkariert. Drückt ein Stück, so zieht ein anderes – ein intuitives Verfahren, das endlose Variationen zulässt; und dass es ihr, so Grath, ermöglicht, mit ihren Arbeiten und Ausstellungen „oppositionelle Choreographien“ zu realisieren. Manchmal bringt sie Objekte spielerisch dazu, sich selbst zu verleugnen. Orthese (2018) beispielsweise nimmt seinen Ausgang an einer abgeschlagenen Glasplatte. Grath bedeckte die Schadstelle mit einem Stück Schaumstoffverpackung, das sie mit einer Schnur festband; die Glasplatte wirkt nun so, als wäre sie Druck ausgesetzt worden – und hätte diesem nachgegeben. An anderer Stelle aber genügt es, einfach nur zwei Objekte zusammenzubringen und so auf die inhärenten Widersprüche und Möglichkeiten von Material aufmerksam zu machen.

Chloe Stead, 2019

FORM VERSUS FUNCTION, 2019 Produzentengalerie Hamburg | Ausstellung im Rahmen von „Neue Kunst in Hamburg“ < >
GADAM2025 | Metall, Kunststoff, Textilien | 140 x 200 x 10 cm
GNES2022 | Textilien | 51 x 34 x 1 cm
GRUSSFORMELN PRIVATER KORRESPONDENZ, 2020Haverkampf Leistenschneider | Berlin

Leitplanken, Handläufe und Zäune säumen das Gelände. Nur wenn sich der Vogel in seinem Umfeld wohl und sicher fühlt, wird er sich auf Zähmungsversuche konzentrieren können. Markierungen auf dem Boden haben sich als sicherheitsstiftende Vorgaben für den Bewegungsradius bewährt, Endungen werden beim Deklinieren umgelautet. 

Man sollte beim Zurückbiegen aber nur stufenweise zu Werke gehen, damit das verformte Teil nicht abbricht. Wenig zielführend ist es, einen noch nicht gezähmten Vogel in die Hand zu nehmen oder mit der Hand seinen Körper zu berühren. Wenn Gabelzinken zusammengebogen sind, kann man sie mit einem Holzlineal auseinander biegen. 

Nicht mehr fluchtende Zinken spannt man zwischen Tüchern in den Schraubstock und fixiert ihn. Sobald der Vogel aber unruhig wird, hat es keinen Sinn, weitere Zähmungsversuche zu unternehmen. 

Leitplanken, Handläufe und Zäune säumen das Gelände. Nur wenn sich der Vogel in seinem Umfeld wohl und sicher fühlt, wird er sich auf Zähmungsversuche konzentrieren können. Markierungen auf dem Boden haben sich als sicherheitsstiftende Vorgaben für den Bewegungsradius bewährt, Endungen werden beim Deklinieren umgelautet. 

Man sollte beim Zurückbiegen aber nur stufenweise zu Werke gehen, damit das verformte Teil nicht abbricht. Wenig zielführend ist es, einen noch nicht gezähmten Vogel in die Hand zu nehmen oder mit der Hand seinen Körper zu berühren. Wenn Gabelzinken zusammengebogen sind, kann man sie mit einem Holzlineal auseinander biegen. 

Nicht mehr fluchtende Zinken spannt man zwischen Tüchern in den Schraubstock und fixiert ihn. Sobald der Vogel aber unruhig wird, hat es keinen Sinn, weitere Zähmungsversuche zu unternehmen. 

GRUSSFORMELN PRIVATER KORRESPONDENZ, 2020Haverkampf Leistenschneider | Berlin < >
Herbar, 202321 x 30 cm | 36 Seiten | Fadenheftung | Auflage 100 | nummeriert und signiert
Herbar, 202321 x 30 cm | 36 Seiten | Fadenheftung | Auflage 100 | nummeriert und signiert < >
HUG2022 | Daunen, Metall, Textilien | 120 x 140 x 34 cm
ILOVEYOU2016 | Kork, Metall, Textilien, Kunststoff, Kreide | 130 x 120 x 4 cm
IMBER2023 | Textilien | 40 x 61 x 2 cm
Im Zustand der Starre kann man Stabheuschrecken wie Streichhölzer zusammenlegen ohne dass sie die geringste Bewegung machen, 2017Arbeiten 2013-2017 | Texte: Hanne Loreck, Thomas Pletzinger, Susanne Stroh u.a. | Grafik: Friederike Wolf (We Are Fellows) | Fotos: Robert Schlossnickel, Thomas Hoffmann, Ute Schuckmann, Philipp Reiss

HANNE LORECK

Biegen, beugen, binden

Es sind merkwürdige Zeitgenossen, Anna Graths Gehänge und Gestelle. Mal kommen sie einem wie ein Kind vor, das einer strengen Erzieherin in die Hände geraten ist, mal wie das Resultat des Spiels der Kinderhände selbst. Beide, Erzieherin wie Kind, hätten mit einem Sinn für Geometrie gewirkt und ihrem je unterschiedlichen Tun eine Ordnung verpasst. Diese Ordnung erscheint ebenso zufällig wie streng, wenn alle Teile „auf Biegen und Brechen“ aneinandergefügt sind und sich aus den heterogenen Bestandteilen ein zwar von der Form her dünner, in sich aber logisch fortlaufender Zusammenhalt ergibt. Widerspenstiges Material sollte dafür gefügig gemacht werden, reagierte jedoch keineswegs immer „gehorsam“, sondern steht weiterhin spitz ab oder baumelt lose herum. Dann wieder bettelt eine hübsche Fransenborte oder eine kunstseidige Quaste um Entschuldigung für eine solche Abweichung von der imaginären Ordnung eines geschlossenen Kreises oder vollständigen Rechtecks. Obgleich das Zierband – es findet häufig Verwendung (u.a. Brint, 2013; Pribb, 2013; Jølum, 2015; Pony, 2016) – etwas Unterhaltsames, Dekoratives beisteuert, kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in seiner Fransigkeit immer ebenso viel zu sehen gibt wie verbirgt. Laufend überschneiden sich in Anna Graths Praxis die bildhauerischen Materialisierungen mit den Metaphern für Aufzucht oder Aufwachsen: So interessiert sich die Künstlerin für das Pfropfen, mithin für eine botanische Vermehrungs- und Veredelungstechnik, bei der sich eine mit bestimmten Wunscheigenschaften ausgestattete Sorte aus einer Wirtspflanze beziehungsweise „Unterlage“ heraus entwickelt.

Beugen, biegen, binden – darunter können wir handwerkliche formgebende Tätigkeiten, im psychophysischen Sinn, dem Pfropfen vergleichbar, aber auch Methoden für Erziehung und Unterwerfung verstehen; dann zielen sie auf Subjektivierung. Nun ist solcher Einfluss der Macht in Anna Graths Plastiken nicht direkt angesprochen. Auf indirekte und subtile Weise aber lässt er sich in ihren auf den ersten Blick heiter und harmlos daherkommenden Objekt-Konglomeraten dennoch ausmachen. Denn Unterordnung, ein Begriffsäquivalent für Subjektivierung, bezeichnet bereits vom Wort her eine Verwandtschaft mit der Ordnung, eben eine spezifische Einfügung in eine Hierarchie. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass die Mehrzahl von Anna Graths Arbeiten um eine Leerstelle kreisen. Zum Beispiel weist eine leere Verpackung noch die Spuren des vormals in ihr präsentierten Gegenstands auf: Die Löcher der Halterung demonstrieren auf besondere Weise sein Fehlen (o.T., 2011). Aber auch bei den großformatigen Plastiken scheinen die Leerstellen, die die Objekt-Ruten umschreiben, ebenso wichtig wie die Rahmen selbst. Sie erinnern an Sprechblasen, denen jedoch die Mitteilung abhandengekommen ist, ungefüllte Sprechblasen, die schließlich ihren Rand, die Schläuche, Schnüre, Bänder, Kabel und Ketten für sich sprechen lassen. In das Für-sich-Sprechen spielen die physikalisch und optisch-haptisch unterschiedlichen Eigenschaften der verwendeten Materialien hinein, das Nachsehen hat dabei meistens der elastische Strick. Er passt sich jeder Dehnung und Krümmung an. Swinde, 2015, ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Der obere der vertikal ausgebreiteten Ärmel eines roten Pullovers krümmt sich über einem Gummischlauch, der, durch das Pullover-Etikett zurückgeführt, in einen knotigen Zweig – ausgelaugtes Strandgut – mündet. Ein Bogen aus Spannungen und Balancen, der schließlich ein Kippbild vor Augen stellt: Das formal ausgeglichene Ensemble schlägt um in den Eindruck einer Zwangsjacke und vice versa (ähnlich, wenngleich abstrakter, Chicago, 2014). Überhaupt wird vieles festgezurrt oder sehr gerade aufgerichtet. Dabei sind Kräfte und Gegenkräfte im Spiel, denn viele der Materialien möchten eher formlos, krumm oder liegen bleiben und nicht von sich aus aufrecht stehen oder rechte Winkel bilden. Am deutlichsten wird ein Gewaltmoment, wenn der ästhetische Akt, gegen die menschliche Anatomie gerichtet, eine rote Strumpfhose brutal dehnt und dabei unorganisch-körperlos begradigt (Dylken, 2014; Kimtt, 2014). Nicht von ungefähr, so scheint es, deuten die Farben und die Art der Kleidungsstücke Anziehsachen von Mädchen oder jungen Frauen an, die sich, anstelle des weiblichen Subjekts, einer gewissen Art von Raster fügen müssen. Solche sichtlichen Bezwingungen stehen in einer materiellen Verbindung wie in einem optisch-haptischen Kontrast mit seltsamen irregulären textilen Wülsten. Vielleicht nehmen diese plastischen Elemente ihren Ausgang von einem gewöhnlichen Strumpf oder vom Ärmel eines Strickpullovers; grob ausgestopft mutieren sie freilich zu dysfunktionalen Körpergliedern (Nander, 2013). Oder Anna Graths Galgen- und Bugformen treiben Strickblüten (Boolds, 2013). Diese schauen aus wie mutwillig zum Scheitern gebrachte Handarbeiten, hergestellt von jemandem, der oder die einer normierenden Strickanleitung eine DIY-Version abgetrotzt hat. Schwankend zwischen Puppe, Spielzeug, Kuscheltier oder „Kuschelblume“‚ wiewohl ohne deren jeweilige Physiognomie, betonen diese textilen Bestandteile der Objektzirkel etwas Volles, Weiches, Begehrtes, diffus Körperliches – was sich durchaus nicht nur tröstlich anfühlt, sondern ebenso unheimlich wirkt.

Und das schließlich ist auch das Fazit: Anna Grath legt in ihren Plastiken ungewöhnliche Qualitäten der Gebrauchsgegenstände aus ihrer Sammlung frei. Das Sammelsurium von Resten, die ein Heimwerker sparsam aufbewahrt, die Elemente kleinbürgerlicher Möblierung, die Anspielungen auf Hausarbeit und Innendekoration tragen melancholische Züge, weil die Spuren der Benutzung zusammen mit der Mechanik des Biegens, Beugens und Bindens ein bezwingendes System vorführen. Der ästhetisierte Umgang mit den Materialien neutralisiert diesen Eindruck keineswegs, sondern lässt, ganz im Gegenteil, die „Erziehung“ zur Ordnung und die Ordnung als Erziehung erst richtig spürbar werden. Einmal dazu gebracht, stehen die materiell umzirkelten Flächen offen für Einschreibungen und Beschriftungen. Ihre Leere fordert den Gedanken des Füllens geradezu heraus. Iloveyou, 2016, macht das exemplarisch deutlich. Das von seiner früheren Benutzung gezeichnete Pinboard ist nun leergeräumt, die bunte Armada der Stecknadeln aber steht bereit, Zettel zu durchstechen und auf dem Kork festzuheften – offen also für Kommendes. Aber auch hier ist eine Ambivalenz visuell erfahrbar: Haben die Objekte, aus denen Anna Grath den Rahmen steckt, klebt, knotet oder bindet, vielleicht zunächst einen unordentlichen Haufen in der Mitte gebildet? Hat die Künstlerin möglicherweise aufgeräumt und auf diese Weise den leeren Raum, die tabula rasa, erst geschaffen?

Wenn ich Anna Grath abschließend als Lumpensammlerin des 21. Jahrhunderts bezeichne, so unter Bezugnahme auf Charles Baudelaires frühmoderne, gleichnamige Figur des Aufbegehrens gegen die Gesellschaft: „Alles, was die große Stadt fortwarf, alles, was sie verlor, alles, was sie verachtete, alles, was sie zertrat – er [der Lumpensammler] legt davon das Register an und er sammelt es. […] er sondert die Dinge, er trifft eine kluge Wahl; er verfährt wie ein Geizhals mit einem Schatz und hält sich an den Schutt, der zwischen den Kinnladen der Göttin der Industrie die Form nützlicher und erfreulicher Sachen annehmen wird.“ Das von Anna Grath Aufgelesene ist kein Abfall, wohlgemerkt, nichts, das bereits endgültig zu verschrotten oder zu kompostieren wäre; sein Wert liegt darin, die herrschende gesellschaftliche Idee vom Gebrauchswert der Waren selbst zu transformieren – aus der Perspektive der An-Ordnung. Dabei zeigt sich das Anordnen im doppelten Wortsinn von Kombination und von Befehl oder autoritärer Verfügung. Diese Zweideutigkeit bringt die Künstlerin in ihren materiellen Gefügen und Raumzeichnungen zum Schillern – und aktualisiert damit jenen Dichter, den Baudelaire mit dem Lumpensammler verglich, weil ihm die Alltagswortfetzen Stoff waren. Mittels ihrer formulierte er einst seine Revolte gegen das kaltschnäuzige bürgerliche Leben. Nach einem vergleichbaren poetischen Prinzip agiert Anna Grath heute.

Dr. Hanne Loreck ist Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaft und Gender Studies an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie arbeitet als freie Kunstkritikerin und Autorin mit Schwerpunkten sowohl in den Theorien der Sichtbarkeit, des Subjekts, der Mode (u.a.) als auch in den individuellen Praktiken zeitgenössischer Kunst.

HANNE LORECK

Biegen, beugen, binden

Es sind merkwürdige Zeitgenossen, Anna Graths Gehänge und Gestelle. Mal kommen sie einem wie ein Kind vor, das einer strengen Erzieherin in die Hände geraten ist, mal wie das Resultat des Spiels der Kinderhände selbst. Beide, Erzieherin wie Kind, hätten mit einem Sinn für Geometrie gewirkt und ihrem je unterschiedlichen Tun eine Ordnung verpasst. Diese Ordnung erscheint ebenso zufällig wie streng, wenn alle Teile „auf Biegen und Brechen“ aneinandergefügt sind und sich aus den heterogenen Bestandteilen ein zwar von der Form her dünner, in sich aber logisch fortlaufender Zusammenhalt ergibt. Widerspenstiges Material sollte dafür gefügig gemacht werden, reagierte jedoch keineswegs immer „gehorsam“, sondern steht weiterhin spitz ab oder baumelt lose herum. Dann wieder bettelt eine hübsche Fransenborte oder eine kunstseidige Quaste um Entschuldigung für eine solche Abweichung von der imaginären Ordnung eines geschlossenen Kreises oder vollständigen Rechtecks. Obgleich das Zierband – es findet häufig Verwendung (u.a. Brint, 2013; Pribb, 2013; Jølum, 2015; Pony, 2016) – etwas Unterhaltsames, Dekoratives beisteuert, kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in seiner Fransigkeit immer ebenso viel zu sehen gibt wie verbirgt. Laufend überschneiden sich in Anna Graths Praxis die bildhauerischen Materialisierungen mit den Metaphern für Aufzucht oder Aufwachsen: So interessiert sich die Künstlerin für das Pfropfen, mithin für eine botanische Vermehrungs- und Veredelungstechnik, bei der sich eine mit bestimmten Wunscheigenschaften ausgestattete Sorte aus einer Wirtspflanze beziehungsweise „Unterlage“ heraus entwickelt.

Beugen, biegen, binden – darunter können wir handwerkliche formgebende Tätigkeiten, im psychophysischen Sinn, dem Pfropfen vergleichbar, aber auch Methoden für Erziehung und Unterwerfung verstehen; dann zielen sie auf Subjektivierung. Nun ist solcher Einfluss der Macht in Anna Graths Plastiken nicht direkt angesprochen. Auf indirekte und subtile Weise aber lässt er sich in ihren auf den ersten Blick heiter und harmlos daherkommenden Objekt-Konglomeraten dennoch ausmachen. Denn Unterordnung, ein Begriffsäquivalent für Subjektivierung, bezeichnet bereits vom Wort her eine Verwandtschaft mit der Ordnung, eben eine spezifische Einfügung in eine Hierarchie. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass die Mehrzahl von Anna Graths Arbeiten um eine Leerstelle kreisen. Zum Beispiel weist eine leere Verpackung noch die Spuren des vormals in ihr präsentierten Gegenstands auf: Die Löcher der Halterung demonstrieren auf besondere Weise sein Fehlen (o.T., 2011). Aber auch bei den großformatigen Plastiken scheinen die Leerstellen, die die Objekt-Ruten umschreiben, ebenso wichtig wie die Rahmen selbst. Sie erinnern an Sprechblasen, denen jedoch die Mitteilung abhandengekommen ist, ungefüllte Sprechblasen, die schließlich ihren Rand, die Schläuche, Schnüre, Bänder, Kabel und Ketten für sich sprechen lassen. In das Für-sich-Sprechen spielen die physikalisch und optisch-haptisch unterschiedlichen Eigenschaften der verwendeten Materialien hinein, das Nachsehen hat dabei meistens der elastische Strick. Er passt sich jeder Dehnung und Krümmung an. Swinde, 2015, ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Der obere der vertikal ausgebreiteten Ärmel eines roten Pullovers krümmt sich über einem Gummischlauch, der, durch das Pullover-Etikett zurückgeführt, in einen knotigen Zweig – ausgelaugtes Strandgut – mündet. Ein Bogen aus Spannungen und Balancen, der schließlich ein Kippbild vor Augen stellt: Das formal ausgeglichene Ensemble schlägt um in den Eindruck einer Zwangsjacke und vice versa (ähnlich, wenngleich abstrakter, Chicago, 2014). Überhaupt wird vieles festgezurrt oder sehr gerade aufgerichtet. Dabei sind Kräfte und Gegenkräfte im Spiel, denn viele der Materialien möchten eher formlos, krumm oder liegen bleiben und nicht von sich aus aufrecht stehen oder rechte Winkel bilden. Am deutlichsten wird ein Gewaltmoment, wenn der ästhetische Akt, gegen die menschliche Anatomie gerichtet, eine rote Strumpfhose brutal dehnt und dabei unorganisch-körperlos begradigt (Dylken, 2014; Kimtt, 2014). Nicht von ungefähr, so scheint es, deuten die Farben und die Art der Kleidungsstücke Anziehsachen von Mädchen oder jungen Frauen an, die sich, anstelle des weiblichen Subjekts, einer gewissen Art von Raster fügen müssen. Solche sichtlichen Bezwingungen stehen in einer materiellen Verbindung wie in einem optisch-haptischen Kontrast mit seltsamen irregulären textilen Wülsten. Vielleicht nehmen diese plastischen Elemente ihren Ausgang von einem gewöhnlichen Strumpf oder vom Ärmel eines Strickpullovers; grob ausgestopft mutieren sie freilich zu dysfunktionalen Körpergliedern (Nander, 2013). Oder Anna Graths Galgen- und Bugformen treiben Strickblüten (Boolds, 2013). Diese schauen aus wie mutwillig zum Scheitern gebrachte Handarbeiten, hergestellt von jemandem, der oder die einer normierenden Strickanleitung eine DIY-Version abgetrotzt hat. Schwankend zwischen Puppe, Spielzeug, Kuscheltier oder „Kuschelblume“‚ wiewohl ohne deren jeweilige Physiognomie, betonen diese textilen Bestandteile der Objektzirkel etwas Volles, Weiches, Begehrtes, diffus Körperliches – was sich durchaus nicht nur tröstlich anfühlt, sondern ebenso unheimlich wirkt.

Und das schließlich ist auch das Fazit: Anna Grath legt in ihren Plastiken ungewöhnliche Qualitäten der Gebrauchsgegenstände aus ihrer Sammlung frei. Das Sammelsurium von Resten, die ein Heimwerker sparsam aufbewahrt, die Elemente kleinbürgerlicher Möblierung, die Anspielungen auf Hausarbeit und Innendekoration tragen melancholische Züge, weil die Spuren der Benutzung zusammen mit der Mechanik des Biegens, Beugens und Bindens ein bezwingendes System vorführen. Der ästhetisierte Umgang mit den Materialien neutralisiert diesen Eindruck keineswegs, sondern lässt, ganz im Gegenteil, die „Erziehung“ zur Ordnung und die Ordnung als Erziehung erst richtig spürbar werden. Einmal dazu gebracht, stehen die materiell umzirkelten Flächen offen für Einschreibungen und Beschriftungen. Ihre Leere fordert den Gedanken des Füllens geradezu heraus. Iloveyou, 2016, macht das exemplarisch deutlich. Das von seiner früheren Benutzung gezeichnete Pinboard ist nun leergeräumt, die bunte Armada der Stecknadeln aber steht bereit, Zettel zu durchstechen und auf dem Kork festzuheften – offen also für Kommendes. Aber auch hier ist eine Ambivalenz visuell erfahrbar: Haben die Objekte, aus denen Anna Grath den Rahmen steckt, klebt, knotet oder bindet, vielleicht zunächst einen unordentlichen Haufen in der Mitte gebildet? Hat die Künstlerin möglicherweise aufgeräumt und auf diese Weise den leeren Raum, die tabula rasa, erst geschaffen?

Wenn ich Anna Grath abschließend als Lumpensammlerin des 21. Jahrhunderts bezeichne, so unter Bezugnahme auf Charles Baudelaires frühmoderne, gleichnamige Figur des Aufbegehrens gegen die Gesellschaft: „Alles, was die große Stadt fortwarf, alles, was sie verlor, alles, was sie verachtete, alles, was sie zertrat – er [der Lumpensammler] legt davon das Register an und er sammelt es. […] er sondert die Dinge, er trifft eine kluge Wahl; er verfährt wie ein Geizhals mit einem Schatz und hält sich an den Schutt, der zwischen den Kinnladen der Göttin der Industrie die Form nützlicher und erfreulicher Sachen annehmen wird.“ Das von Anna Grath Aufgelesene ist kein Abfall, wohlgemerkt, nichts, das bereits endgültig zu verschrotten oder zu kompostieren wäre; sein Wert liegt darin, die herrschende gesellschaftliche Idee vom Gebrauchswert der Waren selbst zu transformieren – aus der Perspektive der An-Ordnung. Dabei zeigt sich das Anordnen im doppelten Wortsinn von Kombination und von Befehl oder autoritärer Verfügung. Diese Zweideutigkeit bringt die Künstlerin in ihren materiellen Gefügen und Raumzeichnungen zum Schillern – und aktualisiert damit jenen Dichter, den Baudelaire mit dem Lumpensammler verglich, weil ihm die Alltagswortfetzen Stoff waren. Mittels ihrer formulierte er einst seine Revolte gegen das kaltschnäuzige bürgerliche Leben. Nach einem vergleichbaren poetischen Prinzip agiert Anna Grath heute.

Dr. Hanne Loreck ist Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaft und Gender Studies an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie arbeitet als freie Kunstkritikerin und Autorin mit Schwerpunkten sowohl in den Theorien der Sichtbarkeit, des Subjekts, der Mode (u.a.) als auch in den individuellen Praktiken zeitgenössischer Kunst.

Im Zustand der Starre kann man Stabheuschrecken wie Streichhölzer zusammenlegen ohne dass sie die geringste Bewegung machen, 2017Arbeiten 2013-2017 | Texte: Hanne Loreck, Thomas Pletzinger, Susanne Stroh u.a. | Grafik: Friederike Wolf (We Are Fellows) | Fotos: Robert Schlossnickel, Thomas Hoffmann, Ute Schuckmann, Philipp Reiss < >
JIB DOOR, 2024Palais für aktuelle Kunst | Glückstadt
JIB DOOR, 2024Palais für aktuelle Kunst | Glückstadt < >
JIN2021 | Metall, Textilien | 102 x 68 x 10 cm
KALMEN2018 | Metall, Textilien, Kunststoff, Holz, Beton | 180 x 130 x 4 cm
KANTENBEIN, 2023Galerie Karin Günther | Hamburg
KANTENBEIN, 2023Galerie Karin Günther | Hamburg < >
KANTER2024 | Gips, Kunststoff, Holz | 220 x 130 x 10 cm
KINK2022 | Glas, Metall, Kunststoff | 49 x 70 x 3 cm
KIT2022 | Beton, Kunststoff | 78 x 62 x 4 cm
KNAAM2014 | Metall, Textilien, Kunststoff, Holz | 7 x 380 x 12 cm (Detail)
KUMULUS VIRGA2014 | Textilien, Kunststoff | 245 x 380 x 10 cm
LAP I - V2023 | Glas, Textilien, Kunststoff
LAP I - V2023 | Glas, Textilien, Kunststoff < >
LIFT2016 | Beton, Metall, Kunststoff | 180 x 72 x 32 cm
LINE UP2020 | Metall, Kunststoff | ca 245 x 220 x 75 cm
LOïE2021 | Holz, Textilien | 120 x 88 x 3 cm
LORE2023 | Kunststoff, Holz | 48 x 20 x 7 cm
LOT2022 | Metall, Textilien | 195 x 170 x 25 cm
MAPS I - VII2019 | Glas, Textilien, Kunststoff
MAPS I - VII2019 | Glas, Textilien, Kunststoff < >
MERRY2022 | Textlien, Kunststoff | 20 x 27 x 0,5 cm
MORN2024 | Metall,Kunststoff | 40 x 45 x 27 cm
NESS2016 | Textillien, Metall, Kunststoff, Holz | 225 x 140 x 60 cm
NEXT BUT TWO, 2025Duo Exhibition Lois Dodd + Anna Grath | Haverkampf Leistenschneider | Berlin

For this year’s Berlin Gallery Weekend, we are honored to present works by painter Lois Dodd (b. 1927, Montclair, NJ) along with new works by Hamburg based artist Anna Grath (b. 1983, Immenstadt, Germany) in a cross-generational exhibition in Berlin.

A brittle leaf, a curving stem, a sunless hillside beyond blanketing snow – the power of Lois Dodd’s images is their stark, arresting simplicity. For over seventy years, Dodd has painted her immediate surroundings at the places she has chosen to live and work – the woodlands, architectures and interiors of Lower East Side, rural Mid-Coast Maine, and the Delaware Water Gap. Her work expresses a desire for capture – as simple or as charged as that can be – a desire to look, and to hold by looking. […]

In Anna Grath’s work, as in Dodd’s paintings, unexpected dynamics emerge from familiar, quotidian materials. Her delicate, gestural sculptures are constructed from found objects such as branches, wire, glass, scraps of fabric and clothing, nylon stockings or ribbons, which Grath combines to create varying expressions of dependence and resistance. It’s in the emotional physicality of these material combinations that her work is rooted: they stretch, cling, bend, hang. They dangle or splay apart; they wrestle and hold. The compositions often come to resemble frames: taut rectangles of nylon stockings, wires curling around an absent image. While these gestures of holding and framing differ in material and methodology from those in Dodd’s work, they too suggest a desire for capture, a negotiation between stability and flux: a balancing act between the relational, reciprocal, and fluctuating forces of things.

NEXT BUT TWO places the paintings of Lois Dodd in conversation with the sculptural works of Anna Grath. Together, Dodd and Grath’s works present a shared exploration of the ordinary and familiar, revealing complexities and tensions within the simplest forms. Through Dodd’s delicate observational painting and Grath’s dynamic interactions of found objects, these works transform the familiar into something richly textured, strange, and fresh, evoking the ways in which the most ordinary elements can hold unexpected resonance.

Wir freuen uns sehr, zum diesjährigen Gallery Weekend Werke der US-amerikanischen Malerin Lois Dodd (geb. 1927, Montclair, NJ) zusammen mit neuen Arbeiten der Hamburger Künstlerin Anna Grath (geb. 1983, Immenstadt) in einer generationenübergreifenden Ausstellung zu präsentieren.

Ein vertrocknetes Blatt, ein geschwungener Blütenstiel, ein schattiger Hang unter einer winterlichen Schneedecke – die Kraft der Bilder von Lois Dodd liegt in ihrer schlichten, verblüffenden Einfachheit. Seit über siebzig Jahren malt die in New York und Maine lebende Künstlerin ihre unmittelbare Umgebung an den Orten, die sie zum Leben und Arbeiten gewählt hat – die Wälder, Architekturen und Innenräume der Lower East Side, die ländliche Mid-Coast Maine und das Delaware Water Gap. Ihre Arbeit drückt den Wunsch aus, etwas zu erfassen – so einfach oder so aufgeladen das auch sein mag – den Wunsch, genau hinzuschauen und durch das Schauen das sie Umgebende festzuhalten. […]

Wie in Dodds Gemälden entsteht auch in Anna Graths Werk eine unerwartete Dynamik aus vertrauten, alltäglichen Materialien. Ihre filigranen, gestischen Skulpturen sind aus gefundenen Objekten wie Ästen, Draht, Glas, Stoff- und Kleidungsresten, Nylonstrümpfen oder Bändern konstruiert, die Grath zu unterschiedlichen Ausdrucksformen von Abhängigkeit und Widerstand kombiniert. Es ist die emotionale Körperlichkeit dieser Materialkombinationen, in der ihre Arbeit wurzelt: Sie dehnen sich, klammern sich, biegen sich, hängen. Sie baumeln oder spreizen sich auseinander, sie ringen und halten sich. Die Kompositionen ähneln oft Rahmen: gespannte Rechtecke aus Nylonstrümpfen, Drähte, die sich um ein abwesendes Bild winden. Obwohl sich diese Gesten des Festhaltens und Einrahmens in Material und Methodik von denen in Dodds Werk unterscheiden, deuten auch sie auf den Wunsch nach Festhalten hin, eine Verhandlung zwischen Stabilität und Fluss: ein Balanceakt zwischen den relationalen, wechselseitigen und fluktuierenden Kräften der Dinge.

NEXT BUT TWO bringt die Gemälde von Dodd auf erfrischende Art und Weise in einen Dialog mit den skulpturalen Werken von Grath. Beide Künstlerinnen erforschen in ihren Arbeiten das Vertraute und vermeintlich Alltägliche und offenbaren die Komplexitäten und Spannungen innerhalb der simpelsten Formen. Durch Dodds feinfühlige, beobachtende Malerei und Graths dynamische Interaktion mit gefundenen Objekten verwandeln diese Werke das uns Vertraute in etwas reich Texturiertes, Fremdes und Neues. Sie zeigen, dass auch die gewöhnlichsten Elemente eine unerwartete Resonanz haben können.

For this year’s Berlin Gallery Weekend, we are honored to present works by painter Lois Dodd (b. 1927, Montclair, NJ) along with new works by Hamburg based artist Anna Grath (b. 1983, Immenstadt, Germany) in a cross-generational exhibition in Berlin.

A brittle leaf, a curving stem, a sunless hillside beyond blanketing snow – the power of Lois Dodd’s images is their stark, arresting simplicity. For over seventy years, Dodd has painted her immediate surroundings at the places she has chosen to live and work – the woodlands, architectures and interiors of Lower East Side, rural Mid-Coast Maine, and the Delaware Water Gap. Her work expresses a desire for capture – as simple or as charged as that can be – a desire to look, and to hold by looking. […]

In Anna Grath’s work, as in Dodd’s paintings, unexpected dynamics emerge from familiar, quotidian materials. Her delicate, gestural sculptures are constructed from found objects such as branches, wire, glass, scraps of fabric and clothing, nylon stockings or ribbons, which Grath combines to create varying expressions of dependence and resistance. It’s in the emotional physicality of these material combinations that her work is rooted: they stretch, cling, bend, hang. They dangle or splay apart; they wrestle and hold. The compositions often come to resemble frames: taut rectangles of nylon stockings, wires curling around an absent image. While these gestures of holding and framing differ in material and methodology from those in Dodd’s work, they too suggest a desire for capture, a negotiation between stability and flux: a balancing act between the relational, reciprocal, and fluctuating forces of things.

NEXT BUT TWO places the paintings of Lois Dodd in conversation with the sculptural works of Anna Grath. Together, Dodd and Grath’s works present a shared exploration of the ordinary and familiar, revealing complexities and tensions within the simplest forms. Through Dodd’s delicate observational painting and Grath’s dynamic interactions of found objects, these works transform the familiar into something richly textured, strange, and fresh, evoking the ways in which the most ordinary elements can hold unexpected resonance.

Wir freuen uns sehr, zum diesjährigen Gallery Weekend Werke der US-amerikanischen Malerin Lois Dodd (geb. 1927, Montclair, NJ) zusammen mit neuen Arbeiten der Hamburger Künstlerin Anna Grath (geb. 1983, Immenstadt) in einer generationenübergreifenden Ausstellung zu präsentieren.

Ein vertrocknetes Blatt, ein geschwungener Blütenstiel, ein schattiger Hang unter einer winterlichen Schneedecke – die Kraft der Bilder von Lois Dodd liegt in ihrer schlichten, verblüffenden Einfachheit. Seit über siebzig Jahren malt die in New York und Maine lebende Künstlerin ihre unmittelbare Umgebung an den Orten, die sie zum Leben und Arbeiten gewählt hat – die Wälder, Architekturen und Innenräume der Lower East Side, die ländliche Mid-Coast Maine und das Delaware Water Gap. Ihre Arbeit drückt den Wunsch aus, etwas zu erfassen – so einfach oder so aufgeladen das auch sein mag – den Wunsch, genau hinzuschauen und durch das Schauen das sie Umgebende festzuhalten. […]

Wie in Dodds Gemälden entsteht auch in Anna Graths Werk eine unerwartete Dynamik aus vertrauten, alltäglichen Materialien. Ihre filigranen, gestischen Skulpturen sind aus gefundenen Objekten wie Ästen, Draht, Glas, Stoff- und Kleidungsresten, Nylonstrümpfen oder Bändern konstruiert, die Grath zu unterschiedlichen Ausdrucksformen von Abhängigkeit und Widerstand kombiniert. Es ist die emotionale Körperlichkeit dieser Materialkombinationen, in der ihre Arbeit wurzelt: Sie dehnen sich, klammern sich, biegen sich, hängen. Sie baumeln oder spreizen sich auseinander, sie ringen und halten sich. Die Kompositionen ähneln oft Rahmen: gespannte Rechtecke aus Nylonstrümpfen, Drähte, die sich um ein abwesendes Bild winden. Obwohl sich diese Gesten des Festhaltens und Einrahmens in Material und Methodik von denen in Dodds Werk unterscheiden, deuten auch sie auf den Wunsch nach Festhalten hin, eine Verhandlung zwischen Stabilität und Fluss: ein Balanceakt zwischen den relationalen, wechselseitigen und fluktuierenden Kräften der Dinge.

NEXT BUT TWO bringt die Gemälde von Dodd auf erfrischende Art und Weise in einen Dialog mit den skulpturalen Werken von Grath. Beide Künstlerinnen erforschen in ihren Arbeiten das Vertraute und vermeintlich Alltägliche und offenbaren die Komplexitäten und Spannungen innerhalb der simpelsten Formen. Durch Dodds feinfühlige, beobachtende Malerei und Graths dynamische Interaktion mit gefundenen Objekten verwandeln diese Werke das uns Vertraute in etwas reich Texturiertes, Fremdes und Neues. Sie zeigen, dass auch die gewöhnlichsten Elemente eine unerwartete Resonanz haben können.

NEXT BUT TWO, 2025Duo Exhibition Lois Dodd + Anna Grath | Haverkampf Leistenschneider | Berlin < >
NYM2025 | Glas, Kunststoff, Textilien | 40,5 x 79 x 3 cm
O.T.2019 | Metall, Beton, Kunststoff | 200 x 260 x 45 cm
PATROUILLE I-IV2020 | Serie von 5 Unikaten

Anna Grath arbeitet in ihren Werken in der Regel mit Fundstücken, deren vorgegebene Form sie ihren eigenen skulpturalen Vorstellungen entsprechend bearbeitet: sie verbiegt, spannt, verbindet und gibt ihnen eine neue, modifizierte Form. Der ursprüngliche Nutzen der Gegenstände wird dabei regelmäßig ausgehebelt, Dinge, die nicht zusammen passen, fügen sich zu Neuem zusammen. In einer skulpturalen Collage- oder Pfropftechnik entstehen andersartige und brüchige, aber auch poetische Erzählungen.

Für ihre Jahresgabe hat Anna Grath altmodische Vorhangkordeln gewählt, die sie mittels Nägeln in eine Rechteckform zwingt, die auf die Fenster verweisen mögen, bei deren Zeigen oder Verdecken die Kordeln üblicherweise nur eine dienende Rolle spielen. Grath bricht mit der Regel des zierenden Beiwerks, das sich üblicherweise um den gleichermaßen weich hängenden Stoff des Vorhangs schmiegt, und stellt seine zeichenhafte Linienform, seine Rahmung - und seine Bedeutung -  in den Vordergrund. Hervorgehoben wird dabei auch der double-bind zwischen Verzierung und Ordnung, der sich in der Vorhangtroddel üblicherweise fast unbeachtet findet. Dieses Verhältnis zwischen Freiheit und Kontrolle, Unordnung und regelhafter Form ist wesentlicher Teil der künstlerischen Arbeit von Anna Grath.

Anna Grath (*1983, lebt und arbeitet in Hamburg). Grath studierte an der HFBK, Hamburg bei Andreas Slominski, Michael Diers und Thomas Pletzinger. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Haverkampf Galerie, Berlin; der Produzentengalerie, Hamburg; im Godsbanen Aarhus, Dänemark, sowie in den Deichtorhallen, Hamburg ausgestellt. Grath erhielt u.a. den Hiscox Kunstpreis, das Hamburger Arbeitsstipendium für bildende Kunst, das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds und das Reisestipendium Neue Kunst in Hamburg e.V.

Anna Grath arbeitet in ihren Werken in der Regel mit Fundstücken, deren vorgegebene Form sie ihren eigenen skulpturalen Vorstellungen entsprechend bearbeitet: sie verbiegt, spannt, verbindet und gibt ihnen eine neue, modifizierte Form. Der ursprüngliche Nutzen der Gegenstände wird dabei regelmäßig ausgehebelt, Dinge, die nicht zusammen passen, fügen sich zu Neuem zusammen. In einer skulpturalen Collage- oder Pfropftechnik entstehen andersartige und brüchige, aber auch poetische Erzählungen.

Für ihre Jahresgabe hat Anna Grath altmodische Vorhangkordeln gewählt, die sie mittels Nägeln in eine Rechteckform zwingt, die auf die Fenster verweisen mögen, bei deren Zeigen oder Verdecken die Kordeln üblicherweise nur eine dienende Rolle spielen. Grath bricht mit der Regel des zierenden Beiwerks, das sich üblicherweise um den gleichermaßen weich hängenden Stoff des Vorhangs schmiegt, und stellt seine zeichenhafte Linienform, seine Rahmung - und seine Bedeutung -  in den Vordergrund. Hervorgehoben wird dabei auch der double-bind zwischen Verzierung und Ordnung, der sich in der Vorhangtroddel üblicherweise fast unbeachtet findet. Dieses Verhältnis zwischen Freiheit und Kontrolle, Unordnung und regelhafter Form ist wesentlicher Teil der künstlerischen Arbeit von Anna Grath.

Anna Grath (*1983, lebt und arbeitet in Hamburg). Grath studierte an der HFBK, Hamburg bei Andreas Slominski, Michael Diers und Thomas Pletzinger. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Haverkampf Galerie, Berlin; der Produzentengalerie, Hamburg; im Godsbanen Aarhus, Dänemark, sowie in den Deichtorhallen, Hamburg ausgestellt. Grath erhielt u.a. den Hiscox Kunstpreis, das Hamburger Arbeitsstipendium für bildende Kunst, das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds und das Reisestipendium Neue Kunst in Hamburg e.V.

PATROUILLE I-IV2020 | Serie von 5 Unikaten < >
PEG2016 | Kunststoff, Metall | 45 x 5 x 30 cm
PFERCH2021 |Kunststoff | 74 x 58 x 2 cm
PHIL2018 | Kunststoff, Textilien | 45 x 30 x 12 cm
PINUP2021 | Marmor, Textilien | 90 x 60 x 4 cm
PION2015 | Metall Textilien, Papier | 206 x 57 x 40 cm
PIR2015 | Kunststoff, Metall, Textilien, Holz | 111 x 110 x 4 cm
PIRM2013 | Textilien, Holz, Kunststoff | 210 x 120 x 20 cm
PONY2016 | Kunststoff, Metall, Textilien | 168 x 96 x 45 cm
PORT DE BRAS, 2017Galerie Philipp Haverkampf | Berlin

Philipp Haverkampf is pleased to present the first solo exhibition of Anna Grath (*1983 in Immenstadt, lives and works in Hamburg) in Berlin, at Philipp Haverkampf Gallery.

They are strange contemporaries, Anna Grath’s hangers and frames. Sometimes they seem like children, which have come into the hands of a strict educator, and at times as if the result of the hands of the children themselves. Both, the educator and the child, would have worked with a sense of geometry and had given their ever different actions an order. This order appears just as random as it is rigorous, when all parts are joined together “on bending and binding” and the heterogeneous components result in a thinner, but logically continuous cohesion. Unruly material should be made docile, but by no means always “obedient”, rather still pointed or loosely dangling around.

In Anna Grath’s practice, the sculptural materializations with the metaphors for rearing or growing up constantly overlap: for example, the artist is interested in grafting, and thus in a botanical propagation and refinement technique, in which a variety with a certain desired characteristic develops out of a host plant.

Bend, bow, bind – we can understand craftsmanship-shaping activities in the psychophysical sense of grafting, but also methods of education and submission; then they aim for subjectivation. Now, such influence of power in Anna Grath’s sculptures is not directly addressed. In an indirect and subtle way, however, it can still be identified in its apparently cheerful and harmless object conglomerates. For subordination, a conceptual equivalent for subjectivization, already signifies a kinship with the order, just a specific insertion into a hierarchy. In this context, it is significant that the majority of Anna Grath’s works revolve around a blank space.Even in large-format sculptures, the blanks that describe the object’s rurals seem as important as the frames themselves. They are reminiscent of speech bubbles that finally make their edges, hoses, cords, ribbons, cables and chains speak for themselves.

Excerpt from: Hanne Loreck “BIEGEN, BEUGEN, BINDEN” published in “Im Zustand der Starre kann man Stabheuschrecken wie Streichhölzer zusammenfügen ohne dass sie die geringste Bewegung machen” Anna Grath, 2017

Philipp Haverkampf is pleased to present the first solo exhibition of Anna Grath (*1983 in Immenstadt, lives and works in Hamburg) in Berlin, at Philipp Haverkampf Gallery.

They are strange contemporaries, Anna Grath’s hangers and frames. Sometimes they seem like children, which have come into the hands of a strict educator, and at times as if the result of the hands of the children themselves. Both, the educator and the child, would have worked with a sense of geometry and had given their ever different actions an order. This order appears just as random as it is rigorous, when all parts are joined together “on bending and binding” and the heterogeneous components result in a thinner, but logically continuous cohesion. Unruly material should be made docile, but by no means always “obedient”, rather still pointed or loosely dangling around.

In Anna Grath’s practice, the sculptural materializations with the metaphors for rearing or growing up constantly overlap: for example, the artist is interested in grafting, and thus in a botanical propagation and refinement technique, in which a variety with a certain desired characteristic develops out of a host plant.

Bend, bow, bind – we can understand craftsmanship-shaping activities in the psychophysical sense of grafting, but also methods of education and submission; then they aim for subjectivation. Now, such influence of power in Anna Grath’s sculptures is not directly addressed. In an indirect and subtle way, however, it can still be identified in its apparently cheerful and harmless object conglomerates. For subordination, a conceptual equivalent for subjectivization, already signifies a kinship with the order, just a specific insertion into a hierarchy. In this context, it is significant that the majority of Anna Grath’s works revolve around a blank space.Even in large-format sculptures, the blanks that describe the object’s rurals seem as important as the frames themselves. They are reminiscent of speech bubbles that finally make their edges, hoses, cords, ribbons, cables and chains speak for themselves.

Excerpt from: Hanne Loreck “BIEGEN, BEUGEN, BINDEN” published in “Im Zustand der Starre kann man Stabheuschrecken wie Streichhölzer zusammenfügen ohne dass sie die geringste Bewegung machen” Anna Grath, 2017

PORT DE BRAS, 2017Galerie Philipp Haverkampf | Berlin < >
SABEL2022 | Textilien | 38,5 x 33,5 x 2 cm
SIEBEN2013 | Metall, Holz, Textilien, Kunststoff | 70 x 50 x 3 cm
SNOOZE2022 | Textilien | 283 x 310 x 3 cm
SOL2020 | Metall | 80 x 60 x 8 cm
SOLANGE2023 | Holz, Textilien | 76 x 50 x 3 cm
SOMETHING NEW, SOMETHING OLD, SOMETHING DESIREDApril 2022 - Februar 2024 | Sammlungspräsentation | Hamburger Kunsthalle

The Hamburger Kunsthalle is mounting a large-scale presentation of the most recent acquisitions for and donations to its important collection of contemporary art (something new) in dialogue with significant works that have enriched the collection for a long time (something old), with highlights in the form of special works on loan that are on the museum’s wish list for permanent acquisition (something desired). The exciting compilation of works by over fifty artists – most of them internationally renowned – impressively demonstrates the enormous range of voices in contemporary art. The artists address in their works the pressing issues of our day: questions of understanding and communication, isolation and marginalisation, power and protest, utopia and structure. Photographic series, multimedia (immersive) installations, video projections, architectural models and architectures made of fabric give us a glimpse of (virtual) worlds and realities, demonstrating the tension between form and dissolution as well as the potential for networking by way of both material and language. About three fourths of the exposed works are the first time on display at Hamburger Kunsthalle.

The Hamburger Kunsthalle is mounting a large-scale presentation of the most recent acquisitions for and donations to its important collection of contemporary art (something new) in dialogue with significant works that have enriched the collection for a long time (something old), with highlights in the form of special works on loan that are on the museum’s wish list for permanent acquisition (something desired). The exciting compilation of works by over fifty artists – most of them internationally renowned – impressively demonstrates the enormous range of voices in contemporary art. The artists address in their works the pressing issues of our day: questions of understanding and communication, isolation and marginalisation, power and protest, utopia and structure. Photographic series, multimedia (immersive) installations, video projections, architectural models and architectures made of fabric give us a glimpse of (virtual) worlds and realities, demonstrating the tension between form and dissolution as well as the potential for networking by way of both material and language. About three fourths of the exposed works are the first time on display at Hamburger Kunsthalle.

SOMETHING NEW, SOMETHING OLD, SOMETHING DESIREDApril 2022 - Februar 2024 | Sammlungspräsentation | Hamburger Kunsthalle < >
SOOM2023 | Kunststoff, Textilien | 60 x 40 x 2 cm
SRAK2023 | Textilien | 205 x 130 x 5 cm
Stars, 202515 x 21 cm | 26 Seiten | Spiralbindung
Stars, 202515 x 21 cm | 26 Seiten | Spiralbindung < >
STELE2017 | Kunststoff, Bast | ca 30 x 280 x 20 cm
STREBE2017 | Holz, Metall, Kunststoff | Maße variabel
SURE YOU LIKE2023 | Textilien, Kunststoff, Metall | 150 x 195 x 5 cm
TAKATE2016 | Holz, Textilien, Metall, Kunststoff | 87 x 70 x 15 cm
TOP BUN2017 | Textilien | 229 x 140 x 14 cm
TRIFT2022 | Textilien | 33 x 47 x 1,5 cm
USE SPACE BAR TO BLAST WORMS, 2022Haverkampf Leistenschneider | Berlin

 Im Fokus von Anna Graths Arbeiten stehen sowohl formale wie auch funktionale und narrative Qualitäten gängiger Gegenstände und Materialien. Diese werden ihrer eigentlichen Verwendungszwecke enthoben und neu konstruiert. Sie biegt, bricht, wickelt, stretcht, beschneidet, kombiniert, züchtigt, zieht und erzieht das Material. Prinzipien der Reduktion und Effizienz prägen ihre Arbeiten, die oft unter Druck, Verformung und auferlegten Restriktionen zum Leben erwachen. Darüber hinaus werden die Dinge aus der Verantwortung genommen. Sie müssen nicht länger in der Identität Strumpfhose, Notenständer und Luftpolsterfolie verharren, sondern werden stattdessen zu Farbe, Textur und Linie erklärt. Aus diesen Übersetzungen treten unerwartete Dynamiken und Geschichten hervor. Die körperlichen Gegenstände, die all das ausmachen, womit wir uns ständig umgeben, werden dekonstruiert und formalisiert. Befreit von Nutzlast und Funktion, treten übliche Assoziationen in den Hintergrund und machen Platz für potentielle Alternativen von Bedeutung und Sein. 

Graths charakteristische spannungsgeladenen Konstruktionen stehen jeweils im Dialog miteinander: Bauchig nach vorne gewölbte Gitterstäben quetschen eine blaue Daunendecke an die Wand. Fragmentierte elastische Kleidungsstücke, von denen kaum mehr als ihre zusammenhaltenden Nähte verblieben sind, messen sich – rigoros und strafend auf Nägel gespannt – mit anderen, lose hängenden Arbeiten (MAB, SNOOZE). Die über seine ursprüngliche Verwendung als (Sport-)Bekleidung hinaus gewaltsam kastrierten Materialien (GNES, YBILL, IRM), können formal als Zeichnung verstanden werden, als planvolle Anordnung von Linien. Sie können aber auch als Stellvertreter für den menschlichen Körper gelten. So wird die Szenerie, die sich im Ausstellungsraum entfaltet, zur Demonstration einer extremen Anpassung. 

Anna Graths Arbeiten wurden unter anderem in der Sammlung Falckenberg-Deichtorhallen, dem Kunstverein Bremerhaven, der Kunsthalle Wilhelmshaven, dem Kunsthaus Hamburg und der Kunsthalle Recklinghausen gezeigt. Grath wurde mit dem Hiscox-Kunstpreis in Hamburg ausgezeichnet. Sie stand wiederholt auf der Shortlist des Ars Viva Preises und ist Stipendiatin der Neuen Kunst in Hamburg, der Stiftung Kunstfonds Bonn und des Hamburger Arbeitsstipendiums. Werke von Anna Grath wurden von der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland sowie der Kunsthalle Hamburg erworben. 

 Im Fokus von Anna Graths Arbeiten stehen sowohl formale wie auch funktionale und narrative Qualitäten gängiger Gegenstände und Materialien. Diese werden ihrer eigentlichen Verwendungszwecke enthoben und neu konstruiert. Sie biegt, bricht, wickelt, stretcht, beschneidet, kombiniert, züchtigt, zieht und erzieht das Material. Prinzipien der Reduktion und Effizienz prägen ihre Arbeiten, die oft unter Druck, Verformung und auferlegten Restriktionen zum Leben erwachen. Darüber hinaus werden die Dinge aus der Verantwortung genommen. Sie müssen nicht länger in der Identität Strumpfhose, Notenständer und Luftpolsterfolie verharren, sondern werden stattdessen zu Farbe, Textur und Linie erklärt. Aus diesen Übersetzungen treten unerwartete Dynamiken und Geschichten hervor. Die körperlichen Gegenstände, die all das ausmachen, womit wir uns ständig umgeben, werden dekonstruiert und formalisiert. Befreit von Nutzlast und Funktion, treten übliche Assoziationen in den Hintergrund und machen Platz für potentielle Alternativen von Bedeutung und Sein. 

Graths charakteristische spannungsgeladenen Konstruktionen stehen jeweils im Dialog miteinander: Bauchig nach vorne gewölbte Gitterstäben quetschen eine blaue Daunendecke an die Wand. Fragmentierte elastische Kleidungsstücke, von denen kaum mehr als ihre zusammenhaltenden Nähte verblieben sind, messen sich – rigoros und strafend auf Nägel gespannt – mit anderen, lose hängenden Arbeiten (MAB, SNOOZE). Die über seine ursprüngliche Verwendung als (Sport-)Bekleidung hinaus gewaltsam kastrierten Materialien (GNES, YBILL, IRM), können formal als Zeichnung verstanden werden, als planvolle Anordnung von Linien. Sie können aber auch als Stellvertreter für den menschlichen Körper gelten. So wird die Szenerie, die sich im Ausstellungsraum entfaltet, zur Demonstration einer extremen Anpassung. 

Anna Graths Arbeiten wurden unter anderem in der Sammlung Falckenberg-Deichtorhallen, dem Kunstverein Bremerhaven, der Kunsthalle Wilhelmshaven, dem Kunsthaus Hamburg und der Kunsthalle Recklinghausen gezeigt. Grath wurde mit dem Hiscox-Kunstpreis in Hamburg ausgezeichnet. Sie stand wiederholt auf der Shortlist des Ars Viva Preises und ist Stipendiatin der Neuen Kunst in Hamburg, der Stiftung Kunstfonds Bonn und des Hamburger Arbeitsstipendiums. Werke von Anna Grath wurden von der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland sowie der Kunsthalle Hamburg erworben. 

USE SPACE BAR TO BLAST WORMS, 2022Haverkampf Leistenschneider | Berlin < >
VAGUE2021 | Metall, Textilien | 190 x 130 x 15 cm
YBIL2022 | Textilien | 98 x 57 x 2 cm